Eine Reise zum heiligen Berg Kailash im abgelegenen Westen von Tibets ist ein Traum vieler Asienreisenden. Der Berg gilt als «Olymp im Himalaya» und eine Umrundung (Kora) zählt zu den bedeutendsten Pilgererfahrungen. 2026 markiert das Jahr des Feuerpferdes – ein wichtiges Datum für tibetische und indische Pilger. Wer die Kora in diesem Jahr absolviert, soll nach tibetischem Glauben von allen Sünden befreit werden und die Segnungen von 13 Umrundungen auf einmal erhalten.
Die Vorbereitung der Reise nach Tibet
Für Reisen nach China ist kein Visum erforderlich, lediglich ein gültiger Reisepass (gültig 6 Monate über Reiseende). Für Tibet sind jedoch Permits für die Route zum Kailash nötig, welche die Agentur einholt.
Insight-Tipp: Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, Meerwasser-Nasenspray, Lutschbonbons, Lippenbalsam und reichhaltige Körpercreme werden empfohlen. Die trockene Luft belastet Haut und Schleimhäute erheblich.
12. Mai – Flug Zürich – Chengdu
Der Flug mit Cathay Pacific startete um 13:30 Uhr in Zürich und führte zunächst nach Hongkong. Das Ziel lag fast 7000 Kilometer entfernt. Der heiligste Berg für Buddhisten, Hindus, Jainas und Anhänger der Bön-Religion erfordert einen weiten Anreiseweg über Hongkong, Chengdu und das Hochland.
13. Mai 2026 – Zwischen Hotpot und Himalaya
Nach der Landung in Hongkong ging es direkt weiter nach Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan und Tor nach Tibet für viele Reisende. Die Stadt vereint eine moderne Millionenmetropole mit Handelswegen in Chinas Westen.
Die Gruppe spazierte durch die Stadt rund um den Daci-Tempel und die Fussgängerzonen von Taikoo Li und Chunxi Road. Vor zahlreichen Goldgeschäften wurde getanzt und Influencer mit Selfiesticks lieferten Livestreams.
Am Abend trafen sich die Reisenden zum Hotpot mit Hui, dem Agenturinhaber, und Dr. Liao, einer früheren Reiseleiterin. Solche Begegnungen gehören zu den schönsten Seiten des Unterwegsseins.
14. Mai 2026 – Der Weg aufs Hochland
Am Morgen wurde der People’s Park in Chengdu besucht, der seit 1911 besteht. Im Park sassen Pensionierte gemütlich bei Tee, liessen sich die Ohren reinigen oder übten Tai Chi. Der Romance Garden ist besonders faszinierend: Eltern und Singles hängen hier beglaubigte Steckbriefe mit Partnerwünschen auf – «das Tinder von Chengdu», nur dass diese Partnersuche Smartphones vorausging.
Anschliessend flog die Gruppe von Chengdu nach Xining, das als östliches Tor zum tibetischen Hochland gilt und Hauptstadt der Provinz Qinghai ist.
Die Region zeigt sich vielfältig: Neben Han-Chinesen leben Tibeter, Hui-Muslime und zahlreiche weitere Volksgruppen hier. Seit Jahrhunderten kreuzen sich Handels- und Pilgerwege.
Am freien Nachmittag wurde das Kumbum Champa Ling besucht, eines der bedeutendsten Klöster des tibetischen Buddhismus. Es gilt als Geburtsort von Tsongkhapa, dem Begründer der Gelugpa-Schule. Die Reisenden beobachteten debattierende Mönche und erlebten «ein schöner Einstieg in eine Tibetreise» an einem Ort, der nicht verfehlt werden sollte.
15. Mai 2026 – Die längste Thangka der Welt
Xining liegt auf rund 2275 Metern Höhe und markiert den Übergang zwischen chinesischem Tiefland und tibetischem Hochland.
Am Vormittag wurde die Altstadt besucht. Vor der grossen Moschee von Xining versammelten sich Gläubige zum Freitagsgebet. Auf dem Markt trafen die Reisenden auf kontaktfreudige Verkäufer, die trotz Sprachbarriere allerhand Köstlichkeiten zum Probieren anboten.
Besonders eindrücklich war der Besuch des lokalen Thangka-Museums (China Tibetan Medicine Culture Museum). Dort wird eine 618 Meter lange Rollbildmalerei aufbewahrt, an der während etwa dreissig Jahren über 400 Künstler arbeiteten.
Am Abend kurz vor 22 Uhr bestiegen die Reisenden den legendären Zug nach Lhasa. Ein Schlafwagen-Zug mit Abteilen, die an frühere SBB-Couchette-Wagen erinnern. Frischgestärkte Bettwäsche und Sauerstoffdüsen in den 4-Bett-Kabinen (Soft-Sleeper) versprachen Ruhe, obwohl mehrere 5000 Meter hohe Pässe erwarteten.
Insight-Tipp: Vor der Abfahrt sollten die Fenster des Abteils mit einem Feuchttuch von aussen gereinigt werden.
16. Mai 2026 – Aufs Dach der Welt
Als die Reisenden am Morgen die Vorhänge zurückzogen, hatte sich die Landschaft verändert. Statt Städte zogen weite Ebenen und ein unendlich scheinender Himmel vorbei. Je weiter der Zug nach Westen fuhr, desto karger wurde die Umgebung.
Die Tibetbahn gilt als höchste Eisenbahnstrecke der Welt. Sie führt über den Tanggula-Pass auf mehr als 5000 Metern Höhe durch Gebiete, die bis vor wenigen Jahren nur auf langen Holperstrassen erreichbar waren.
Der Zug fuhr gemächlich durch das Hochland. Immer wieder sahen die Passagiere Yakherden, Wildesel (Kiang), Tibetantilopen (Chiru), Tibetgazellen (Goa) und kleine Salzseen, die in der Sonne glitzerten. Vereinzelt tauchten Nomadenzelte auf.
Am Abend erreichte die Gruppe Lhasa auf 3650 Metern Höhe. Die dünnere Luft wurde sofort bemerkt. Sie bezogen ein tibetisches Hotel – mehr ein Homestay – mitten in der Altstadt von Lhasa. Die liebevoll im tibetischen Stil eingerichteten Zimmer, die herzliche Gastfreundschaft und das Restaurant mit traditionellen Spezialitäten gefielen besonders. Zum Jokhang-Tempel waren es nur wenige Gehminuten durch die engen Gassen.
17. Mai 2026 – Lhasa beginnt am Barkor
Für die ersten Tage in Lhasa war vorgesehen, es langsam anzugehen. Die Höhe verlangt Geduld, auch wenn die Neugier gross ist.
Der Weg führte zum Jokhang-Tempel, seit Jahrhunderten das religiöse Zentrum Tibets. Vor den Eingängen beteten Pilger, drehten ihre Gebetsmühlen oder vollzogen Niederwerfungen. Manche waren wohl von weit hergekommen und hatten lange Reisen hinter sich.
Rund um den Tempel verläuft der Barkor, «der bekannteste Pilgerweg der Stadt». Von Sonnenaufgang bis spätabends umrunden Gläubige den Tempel, daneben verkaufen Händler Weihrauch, Gebetsfahnen und Alltagsgegenstände. Religion und Alltag gehen hier fliessend ineinander über.
Später wurde der Ramoche-Tempel besucht und der tibetische Markt erkundet. Viel Programm brauchte es an diesem ersten Tag nicht. Es reichte, anzukommen und diese faszinierende Stadt auf sich wirken zu lassen.
18. Mai 2026 – Der Potala und das Leben darum herum
Bevor sich die Gruppe Richtung Potala aufmachte, besuchte sie einen weniger bekannten Pilgerort: den Dralha Lupuk-Felsentempel mit der Schutzgöttin Pelden Lhamo am Chakpori-Hügel. Dieser Ort gehört zu den stillen, oft übersehenen Kraftorten Lhasas. Zwischen den in Fels gemeisselten Buddha-Darstellungen und jahrhundertealten Reliefs wird die tiefe Verbundenheit Tibets mit dem Buddhismus eindrücklich spürbar.
Kein Gebäude prägt das Bild von Lhasa so sehr wie der Potala. Über Jahrhunderte war er Winterresidenz der Dalai Lamas und politisches sowie religiöses Zentrum Tibets.
Schon von weitem beherrscht der Palast die Stadt. Im Innern bleibt für Besucher heute nur wenig Zeit, doch sie genügt, um eine Vorstellung von der Grösse der Anlage zu bekommen. Enge Treppen, alte Wandmalereien und reich verzierte Kapellen wechseln sich ab. Obwohl der Palast heute von vielen Reisenden geprägt ist, bemerkt man bei einigen ruhigen Minuten schnell «den Zauber, der diesem Ort immer noch innewohnt».
Ausserhalb des Palasts pulsiert das Leben. In gut besuchten Restaurants essen Familien, Nonnen und Mönche gemeinsam Noodlesoups. Beim Blue Buddha beobachtete die Gruppe Pilger, die ihre tägliche Runde auf dem Lingkor, dem äusseren Pilgerweg von Lhasa, drehten.
Später blieb Zeit für einen Bummel durch die Altstadt. Hinter den Fassaden entdeckte man zahlreiche Handwerksbetriebe und Geschäfte, die wahrscheinlich seit Generationen bestehen. Die Gruppe besuchte Deleg, der als Kind in Wil (SG) lebte, eine Berufslehre machte und später mit seiner Familie nach Tibet zurückkehrte. Heute führt er in der Eingangshalle eines Hotels ein kleines Geschäft mit hochwertigem tibetischem Schmuck und kunstvollen Thangkas. Es war ihm eine sichtliche Freude, nach langer Zeit wieder einmal Schwizerdütsch sprechen zu können.
19. Mai 2026 – Yerpa-Kloster
Das Yerpa-Kloster ist kein Ort, den man einfach besichtigt – man erwandert ihn auf einem Tagesausflug von Lhasa. Langsam und gemächlich führt der schmale Weg vorbei an Gebetsfahnen und kargen Felsen hinauf zu einer Ansammlung kleiner Tempel und uralter Meditationshöhlen, die sich an die steile Bergwand klammern.
Hier spürt man, dass der tibetische Buddhismus einst in der Abgeschiedenheit der Berge gewachsen ist. Die Höhlen sind eng, dunkel und überraschend schlicht. Gerade das macht ihren Reiz aus. Statt prunkvoller Hallen begegnet man «Orten, an denen Menschen über Jahrhunderte Stille gesucht haben».
Yerpa gehört nicht zu den meistbesuchten Orten Tibets. Vielleicht macht gerade das seinen Reiz aus. Der Tag verlief ruhig, fast unspektakulär. Und genau deshalb blieb er in tiefer Erinnerung.
Am Abend waren die Reisenden bei Danny, dem Leiter der tibetischen Partneragentur, in ein traditionelles tibetisches Restaurant eingeladen. Touristen suchte man hier vergebens – stattdessen war das Lokal bis auf den letzten Platz mit Einheimischen gefüllt. Neben klassischen Momos wurden zahlreiche köstliche tibetische Spezialitäten serviert, darunter auch feine vegetarische Gerichte. Selbst alkoholfreies Bier fehlte nicht auf der Getränkekarte.
20. Mai 2026 – Der See der Göttin
Nach einigen Tagen in Lhasa hiess es Abschied nehmen. Das Ziel war Gyantse, doch der eigentliche Höhepunkt des Tages lag unterwegs.
Die Strasse führte zunächst zum Gongkar Chöde, einem Sakya-Kloster, das für seine gut erhaltenen Wandmalereien bekannt ist. Das im 15. Jahrhundert gegründete Kloster der Sakya-Tradition ist für seine aussergewöhnlichen Fresken berühmt. In der Ruhe, die hier herrscht, spürte die Gruppe rasch, dass Gongkar Chöde kein Museum ist, sondern bis heute ein lebendiges Kloster.
Anschliessend ging es über eine wenig befahrene Route hinauf in die Berge. Auf fast 5000 Metern Höhe erreichte die Gruppe den Luri-La-Pass. Unter lag der Yamdrok Tso. Ein atemberaubender Anblick!
Der türkisfarbene See gehört zu den heiligsten Gewässern Tibets. Nach tibetischem Glauben ist er der Wohnort einer Schutzgöttin, und viele Pilger verbinden ihren Besuch mit einer Kora. Von den Aussichtspunkten aus wirkt der See beinahe unwirklich. Je nach Sonnenstand wechseln seine Farben zwischen Blau, Türkis und Grün.
Die Gruppe verliess die Hauptstrasse und fuhr bis an einen der ausgeschilderten Parkplätze am See. Hier warten geschmückte Yaks darauf, auf einem Foto zu landen.
Später führte die Strasse über den Karo-La-Pass weiter nach Gyantse. Über dem Ort erhob sich bereits die alte Festung. Nach einem langen Tag waren alle froh, angekommen zu sein. Zu ihrer Freude gab es im Hotel nepalesische Küche und ein Thali.
21. Mai 2026 – Ein Mandala aus Stein und Lehm
Gyantse gehörte einst zu den wichtigsten Handelsstädten Tibets. Davon zeugen bis heute die Festung und die weitläufige Klosteranlage Pelkor Chöde.
Im Mittelpunkt steht der Kumbum, ein mehrstöckiger Stupa, dessen zahlreiche Kapellen wie ein begehbares Mandala angeordnet sind. Die Wandmalereien und Figuren stammen aus unterschiedlichen Epochen und spiegeln den Austausch verschiedener buddhistischer Traditionen wider. Die Gruppe hatte Glück: Im Kloster fertigten Mönche wunderschöne farbenfrohe Mandalas aus Sand an. Sie waren eingeladen zuzuschauen. In wenigen Tagen würden diese filigranen Kunstwerke zerstört werden. Das stetige Werden und Vergehen des Lebens wird so auf eindrückliche Weise sichtbar gemacht.
Die Gruppe fuhr weiter in Richtung Shigatse. Unterwegs wurde beim Kloster Shalu Halt gemacht, das für seine besondere Architektur bekannt ist. Ein älterer Mönch nahm sich Zeit, Einblick in sein Leben zu geben. Eine wunderschöne Begegnung, die als wertvolle Erinnerung mitgenommen wurde.
Nach einer weiteren Nudelsuppe fuhr die Gruppe nach Shigatse. Dort wurde das Tashilhunpo-Kloster besucht, der traditionelle Sitz der Panchen Lamas. In den Höfen und auf den Pilgerwegen herrschte reger Betrieb – und doch war ein deutlicher Unterschied zu den vorherigen Klostern zu spüren. Diese wunderschöne Anlage ist heute in erster Linie ein Museum. Eines, das sich lohnt.
Auf eine Kora verzichtete die Gruppe. Die vielen Eindrücke wollten verarbeitet sein und man entschloss sich für ein gemütliches tibetisches Restaurant. Nach dem reichhaltigen Abendessen sang das Servicepersonal zum Abschied ein traditionelles Lied vor.
22. Mai 2026 – Auf dem Weg zum höchsten Berg der Erde
Die Fahrt von Shigatse nach Rongbuk gehörte zu den längsten der Reise. Langweilig wurde es nie: Die Landschaft veränderte sich ständig. Burgruinen tauchten auf Hügeln auf, kleine Klöster lagen zwischen Sanddünen und weiten Ebenen. Yakherden zogen vorbei und immer wieder sahen die Reisenden Hasen, Esel, Antilopen und Bergziegen.
Unterwegs wurde ein Nonnenkloster besucht und das verlassene Kumbum von Puntsholing. Die Nonnen steckten mitten in den Renovationsarbeiten ihres kleinen Klosters. Sie betonierten, sägten und hämmerten und fanden trotzdem Zeit, sich zu unterhalten. Einmal mehr waren es diese Begegnungen, die wohl nie mehr vergessen werden.
Danach folgte die Gruppe dem Brahmaputra flussaufwärts bis nach Lhatse. Hinter Shekar begann der Chomolungma-Nationalpark. Chomolungma ist der tibetische Name des Mount Everest und bedeutet «Göttinmutter der Erde».
Am Pang-La-Pass hielten die Reisenden an. Von hier aus öffnet sich der Blick auf mehrere Achttausender gleichzeitig. Zum ersten Mal sahen sie den Everest!
Die letzten Kilometer bis Rongbuk legten sie in einem Elektrobus zurück. Seit einigen Jahren dürfen nur noch solche Fahrzeuge die Strecke befahren, um die Umweltbelastung im Schutzgebiet zu verringern. Das Gästehaus lag auf rund 5000 Metern Höhe. Es war bereits nach acht Uhr, als sie ankamen. Gerade noch rechtzeitig, um die letzten Sonnenstrahlen auf dem Gipfel des Everests beobachten zu können.
Es war kühl hier oben und der Sauerstoff war knapp. Doch sind die Zimmer im Guesthouse geheizt und von einigen Zimmern aus sieht man direkt auf den Everest. Sogar eine eigene Toilette gibt es. Welch ein Luxus! Wer nicht zu den Glücklichen mit Ausblick gehört, steigt auf die Dachterrasse und beobachtet von dort aus den eindrücklichen Sternenhimmel. Die erste Nacht auf dieser Höhe möchte man nicht als geruhsam bezeichnen, aber der Tagesanbruch am Fusse des höchsten Berges der Welt hatte auch unausgeschlafen seinen Zauber.
23. Mai 2026 – Morgenlicht am Everest
Noch vor Sonnenaufgang standen die ersten Gäste draussen. Auch die Gruppe wollte sehen, wie das Licht langsam auf die Nordwand des Everest traf.
Bei klarem Wetter gehört dieser Augenblick zu den eindrücklichsten Erlebnissen der Reise. Der höchste Berg der Erde wirkt von hier aus nicht spektakulär inszeniert, sondern erstaunlich ruhig.
Das eigentliche Basislager ist heute Expeditionen vorbehalten. Für Reisende endet der Weg in Rongbuk.
Nach dem Frühstück brach die Gruppe bereits wieder auf. Die Route führte über Tingri in Richtung Westtibet. Unterwegs begleiteten die Gipfel des Himalayas. Neben dem Everest ragten unter anderem der Cho Oyu und der Shishapangma in den Himmel.
Am Pigu Tso legte die Gruppe einen kurzen Halt ein. Der tiefblaue See liegt auf über 4600 Metern Höhe und markiert den Übergang in eine Landschaft, die immer weiter und einsamer wird.
Am Abend erreichte die Gruppe Saga. Die Stadt ist für viele Reisende nur eine Zwischenstation. Für Hans Wettstein war sie der Auftakt zu jenem Teil Tibets, den er seit mehr als dreissig Jahren nicht mehr besucht hatte.
24. Mai 2026 – Durch das Nomadenland zum Kang Rimpoche
Hinter Saga wurde der Verkehr spärlicher. Die Strasse war gut ausgebaut, doch Siedlungen waren selten geworden. Stundenlang fuhr die Gruppe durch eine Landschaft, die sich alle paar Minuten zu verändern schien und deren Anblick man nie überdrüssig wird.
Der Highway G219 zum Kailash zählt zu den längsten Fernstrassen Chinas und den längsten Binnenstrassen der Welt. Unterwegs begegnete die Gruppe zahlreichen chinesischen Selbstfahrern – erstaunlich viele von ihnen waren mit Elektrofahrzeugen unterwegs.
Westtibet gehört zu den dünnst besiedelten Regionen Asiens. Die wenigen Menschen, die hier leben, ziehen als Nomaden mit Yak- und Schafherden durch das Hochland. Immer wieder tauchten einzelne schwarze Zelte auf, daneben weideten Tiere.
Je weiter die Gruppe nach Süden kam, desto deutlicher zeichnete sich am Horizont der Himalaya ab. Schliesslich erreichte sie den Manasarovarsee – und erblickte zum ersten Mal den majestätischen Kailash (tibetisch: Kang Rinpoche). Sein Name lautet im Sanskrit Kailāsa und bedeutet «Kristall» – ein passender Name für den heiligen Berg, dessen schneebedeckter Gipfel in der Sonne glitzert.
Mit 4558 Metern Höhe gehört der Manosarovarsee (tibetisch Mapam Yumtso) zu den höchstgelegenen Süsswasserseen der Welt. Er liegt am Fuss des Gurla Mandata (7728 m). Für Buddhisten, Hindus, Jainas und Anhänger der Bön-Religion ist er seit Jahrhunderten ein heiliger Ort. Pilgergruppen umrunden den See oder nehmen Wasser als Erinnerung mit nach Hause. Das traditionelle Bad im See ist den Hindus aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt. Die Gruppe hielt ihre Hand ins Wasser. Es war so kalt, dass die Finger in wenigen Sekunden steifgefroren waren.
25. Mai 2026 – Bön-Kloster
An diesem Morgen entdeckte die Gruppe eine wahre Perle: Das Bönkloster Gurugem. Abseits der bekannten Routen begegnete sie hier einer der ältesten spirituellen Traditionen Tibets. Die eindrückliche Lage über dem Sutlej-Tal und die schlichte Schönheit der Anlage machten den Besuch zu einem stillen, aber nachhaltigen Erlebnis – einem jener Momente, die den «Zauber Westtibets» ausmachen.
Am Morgen besuchte die Gruppe die Ruinen und Höhlen der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Khyunglung (Shangshung). Am Nachmittag führte die Reise weiter nach Westen, zum nächsten Ziel: Tholing und Tsaparang, der einstigen Hauptstadt des Königreichs Guge. Unterwegs wurden die Täler immer enger, während die bizarren Felsformationen eine eindrückliche Kulisse bildeten.
26. Mai 2026 – Im alten Königreich Guge
Tholing wirkte auf den ersten Blick unscheinbar. Doch hinter den schlichten Mauern verbirgt sich einer der wichtigsten Ursprungsorte des tibetischen Buddhismus in Westtibet. Hier studierten Mönche, übersetzten Gelehrte buddhistische Schriften und entstanden Kunstwerke, die Einflüsse aus Indien, Nepal und Zentralasien vereinen. Ein Mönch zeigte der Gruppe neben den renovierten Teilen des Klosters auch jene, die seit der Kulturrevolution zerstört sind. Ein eindrücklicher Einblick in die Geschichte dieses Ortes.
Die Gruppe fuhr weiter nach Tsaparang. Wer diese Felsenklostern zum ersten Mal sieht, versteht, warum dieser Ort immer wieder mit einer Festung verglichen wird. Die ehemalige Königsstadt erhebt sich auf einem Felsen hoch über dem Tal des Sutlej.
Zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert gehörte Guge zu den kulturellen Zentren Westtibets. Von hier gingen wichtige Impulse für die Verbreitung des Buddhismus aus. Der indische Gelehrte Atisha wurde im 11. Jahrhundert nach Tholing eingeladen und beeinflusste die religiöse Entwicklung Tibets nachhaltig.
Die Gruppe besichtigte die alten Klöster, Höhlen und die berühmten Wandmalereien. Trotz ihres Alters sind viele Farben erstaunlich gut erhalten. Die Gebäude schmiegen sich an den Felsen, Treppen und schmale Gänge verbinden die einzelnen Anlagen.
Später standen die Reisenden oberhalb der Ruinen und blickten über den Canyon. Unten floss der Sutlej, darüber ragten die bizarren Felsformationen auf. Sie fotografierten, was sie konnten, spürten aber rasch, dass sich die Schönheit dieser Landschaft nie wird wirklich fassen lassen.
Insight-Tipp: Lesen Sie als Vorbereitung «Der Weg der Weissen Wolken» von Lama Anagarika Govinda.
27. Mai 2026 – Dem Kailash entgegen
Nach den Tagen in Guge führte die Route zurück nach Darchen. Der kleine Ort ist Ausgangspunkt für die Kora um den Kailash und damit für viele Pilger eine wichtige Station.
Je näher die Gruppe Darchen kam, desto häufiger begegnete sie Pilgergruppen. Manche reisten mit Fahrzeugen an, andere waren wohl seit langem zu Fuss unterwegs. Einige legten den Weg sogar vollständig mit Niederwerfungen zurück.
Am Nachmittag blieb etwas Zeit für einen Spaziergang. In der Ferne lockte der Kailash.
Der Berg ist mit 6638 Metern nicht der höchste Gipfel der Region. Seine religiöse Bedeutung macht ihn jedoch zu einem der bekanntesten Berge Asiens.
Am Abend bereitete sich die Gruppe auf die nächsten drei Tage vor. Das grosse Gepäck blieb in Darchen zurück. Für die Kora brauchten sie nur das Nötigste.
Am nächsten Morgen würden sie zu Fuss aufbrechen. Die Nervosität stieg.
28. Mai 2026 – Der erste Tag der Kora
Darchen liegt auf gut 4700 Metern Höhe. Nach einem für die Gruppe etwas ungewohnten Frühstück im ausgebuchten Hotel traf sie ihre Begleitung. Jeder wurde von einer Trägerin oder einem Träger unterstützt. Die Vorschriften sind klar und werden eisern eingehalten. Jeder Träger bekommt einen kleinen Rucksack, der höchstens 15 Kilogramm schwer sein darf. Der dicke Daunenschlafsack füllte den Rucksack schon fast vollständig.
Mit Wasserreserven und genügend Snacks machte sich die Gruppe zu Fuss auf den Weg nach Darboche. Das erste Ziel der Umrundung. Auf diesem Platz lag bereits der grosse Fahnenmast, der während des Saga-Dawa-Festes aufgestellt wird. Noch war es ruhig. Doch immer mehr Pilgergruppen machten sich mit der Gruppe auf den Weg. Die meisten waren Tibeterinnen und Tibeter, doch es trafen auch Gläubige aus Indien auf.
Von Darboche führte der Weg langsam ins Tal hinein. Der Kailash war inzwischen hinter Hügeln verschwunden.
Nach rund zwanzig Kilometern erreichte die Gruppe die Drirapuk Gompa. Das kleine Kloster liegt auf etwa 5050 Metern Höhe und bietet einen eindrücklichen Blick auf die Nordseite des Kailash. Die Gruppe überlegte lange, ob sie den kurzen Anstieg in Kauf nehmen sollte. Die dünne Luft machte jeden Schritt zu einer Entscheidung. Sie wagte es. Der Ausblick auf den Kailash versöhnte mit dem Keuchen.
Nach rund elf Stunden kam die Gruppe erschöpft bei der Lodge an. Das Licht war toll, der Kailash jetzt in seiner ganzen Pracht zu bewundern, aber der Körper sehnte sich nach Ruhe. Später am Abend kühlte es empfindlich ab. Die Heizdecke auf den Betten im Mehrbettzimmer spendete wohltuende Wärme. Der erste nächtliche Gang auf die Toilette ausserhalb des Gebäudes liess die Strapazen des morgigen Tages erahnen: Es schneite bereits heftig.
29. Mai 2026 – Über den Drolma La
Der zweite Tag gilt als der anspruchsvollste Abschnitt der Kora. Die ersten Pilger verliessen die Lodge bereits um vier Uhr morgens. Die Gruppe wärmte sich zuerst im kleinen Restaurant auf, das zur Lodge gehörte, und trank einen gesalzenen Buttertee. Nicht wirklich ihr Lieblingsgetränk, aber die von der Trockenheit aufgesprungenen Lippen frohlockten.
Was nun kam, forderte sie bis zum Letzten: Der Weg führte schon zu Beginn stetig bergauf. Die Luft wurde gefühlt noch dünner, die Schritte langsamer und langsamer. Vorbei an Shiva Tsal, einem Ort, an dem viele Pilger symbolisch etwas Altes zurücklassen, um nach der Kora symbolisch in ein neues, besseres Leben zu starten. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug näherte sich die Gruppe dem Drolma-La-Pass. Mit 5660 Metern ist er der höchste Punkt der Umrundung.
Je näher die Gruppe dem Pass kam, desto mehr Gebetsfahnen flatterten im Wind. Lange hielt sich hier niemand auf. Kurze Gebete, eine Niederwerfung, der kalte Wind und die wirbelnden Schneeflocken drangen durch die Kleidung. Wie die meisten Pilger machte auch die Gruppe nach einer kurzen Pause den Abstieg.
Es war, als hätte sie ein Segen erreicht: Ein unglaubliches Glücksgefühl breitete sich im ganzen Körper aus. War es einfach das Bewusstsein, den Pass geschafft zu haben? War es diese spirituelle Energie, die alle erfasst zu haben schien? Es blieb keine Zeit, diesen Fragen nachzuspüren, der Abstieg war steil und immer wieder rutschten die Schuhe über die glatten Steine.
Unterhalb des Passes liegt der kleine Gauri Kund (tibetisch Tukche Tso). In der hinduistischen Tradition soll die Göttin Parvati hier gebadet und meditiert haben, weshalb dem Wasser eine reinigende und segensreiche Kraft zugeschrieben wird. Der See war zugefroren und an Baden war nicht zu denken.
Der weitere Weg zog sich durch ein langes Tal. Schritt für Schritt im Gegenwind Darchen entgegen. Es war Abend als die Gruppe Zuthrul Puk erreichte. Trotz der Erschöpfung genoss sie den Besuch im kleinen Kloster und sass eine Weile in der «Höhle der Wunder», in der der tibetische Yogi und Dichter Milarepa meditiert haben soll.
Nach einer weiteren 10-stündigen Wanderung waren alle froh über eine warme Nudelsuppe. Auf eine weitere Nacht in einem Mehrbettzimmer hatten sie keine Lust. Sie wanderten weiter und leisteten sich für die letzten Meter der Kora einen Platz im öffentlichen Bus.
30. Mai 2026 – Die letzten Kilometer
Der nächste Morgen in Darchen begrüsste die Gruppe mit noch mehr Schnee. Sie hatten Zeit, die Kora zu verdauen und sich ihres Glückes bewusst zu werden. Sie hatten es geschafft! Sie gehörten zu den Glücklichen dieser Welt, die diese wunderbare Pilgerreise unternehmen durften.
Die Gruppe fuhr zum Rakshas-Tal-See. Im Gegensatz zum nahe gelegenen Manasarovar ist er ein Salzwassersee und gilt in der hinduistischen und buddhistischen Tradition als Ort, der mit dämonischen Kräften in Verbindung gebracht wird. Er steht symbolisch für die dunkleren Seiten der menschlichen Natur und die negativen Kräfte der Welt. Auf die Gruppe wirkte der See jedoch alles andere als bedrohlich: Friedlich grasende Yaks am Ufer und die karge Landschaft verliehen ihm eine ganz eigene, stille Schönheit.
Die Gruppe fuhr noch einmal zum Manosarovarsee und genoss danach eine Pizza in einem hippen Café in Darchen. Lange unterhielten sie sich mit den beiden chinesischen Brüdern, welche es führen. Sie erfuhren einiges über das Leben hier auf 4700 Metern Höhe und die prominenten Pilger, die hier vorbeischauen. Zum Beispiel der indische Promi-Guru Sadhguru. Seine Kora ende jeweils schon in Darboche und finde motorisiert statt.
31. Mai 2026 – Ein stiller Ort
Eigentlich hatten die Reisenden vorgesehen, zum Vollmond das Saga-Dawa-Festival zu besuchen. Wegen des grossen Besucherandrangs regelten die Behörden den Zugang jedoch kurzfristig neu, sodass sie nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen konnten.
Stattdessen fuhren sie ein weiteres Mal zurück an den Manasarovarsee und besuchten die wunderschöne Chiu Gompa.
Das kleine Kloster klebt förmlich an einem Felsen hoch über dem Wasser. Der Ort wird mit Padmasambhava in Verbindung gebracht und zählt zu den ältesten Pilgerstätten der Region.
Von oben schweifte der Blick über den See bis zu den schneebedeckten Bergen am Horizont. Nach den bewegten Tagen auf der Kora passte diese Ruhe gut.
Am Nachmittag brachen die Reisenden auf und fuhren weiter durch das Nomadenland Richtung Nepal bis nach Zhongba. Die weiten Ebenen Westtibets begleiteten sie noch einmal.
1. Juni 2026 – Abschied von Westtibet
Die Fahrt führte über die Südroute zurück. Stundenlang wechselten sich Seen, weite Ebenen und hohe Pässe ab.
Am Pigu Tso legten die Reisenden wieder einen kurzen Halt ein. Der tiefblaue See gehört zu den eindrücklichsten Landschaften entlang der Route und bietet bei klarem Wetter einen Blick auf den Shishapangma (8027 m), den höchsten Berg, der vollständig in der Provinz Tibet liegt. Und: Hier gibt es einen Coffeetruck, der wunderbare Cappuccino serviert. Etwas, das man zu schätzen lernt, wenn man so lange in einem Teeland unterwegs ist.
Je weiter die Reisenden fuhren, desto deutlicher veränderte sich die Landschaft. Die Hochebene ging allmählich in tief eingeschnittene Täler über.
Am Abend erreichte die Gruppe Nyalam. Nach den vergangenen Wochen auf dem Hochland wirkte der kleine Grenzort beinahe geschäftig. Zum ersten Mal auf dieser Reise genossen die Reisenden zum Abschiedsessen in einem lokalen Restaurant, das Sichuan-Küche anbot, ein Glas Wein. Tibetischen Wein notabene, der sehr gut schmeckte. Alkohol und die Höhe vertragen sich schlecht, aber dieses kleine Glas nahm ihnen der Körper zum Glück nicht übel.
2. Juni 2026 – Über die Grenze nach Nepal
Von Nyalam führte die Strasse in vielen Kurven hinunter zur Grenze nach Nepal.
Grenzübergänge gehören selten zu den Höhepunkten einer Reise, und auch diesmal brauchten die Formalitäten ihre Zeit. Der freundliche chinesische Grenzbeamte wollte tatsächlich die Bücher begutachten und lachte dann über den getrockneten Fisch aus dem Manosarowarsee, den sie dabeihatten. Er soll allerhand Krankheiten heilen. Der unfreundliche nepalesische Grenzbeamte wollte nichts von dem Fisch wissen und den Dollars, die laut nepalesischer Staatswebsite für das Visum zu bezahlen sind. Gerne hätte er lokale Währung genommen und am Wechselkurs noch etwas verdient. Geduld bringt bekanntlich Rosen und so genossen die Reisenden nach dem Bezahlen in Dollar schon bald einen Chai in Nepal.
Mit jedem Kilometer wurde die Landschaft grüner. Nach den trockenen Hochebenen Tibets wirkten die bewaldeten Hügel überwältigend schön und jeder singende Vogel liess das Herz frohlocken. Gegen Abend erreichte die Gruppe Dhulikhel.
3. Juni 2026 – Ein Tag zum Durchatmen
Das Dwarika’s Sanctuary ist ein exklusiver Rückzugsort oberhalb des Kathmandu-Tals. Das Boutique-Resort verbindet traditionelle nepalesische Baukunst mit ganzheitlichen Angeboten wie Yoga, Meditation und Ayurveda. Inmitten einer ruhigen Hügellandschaft war es für die Gruppe der ideale Ort, um ein wenig zu erholen.
Doch schon am Nachmittag zog es sie weiter ins Kathmandutal. Die Gruppe stoppte in Bhaktapur.
Die ehemalige Königsstadt gehört zu den am besten erhaltenen historischen Orten Nepals. Enge Gassen, Tempel und Backsteinplätze prägen bis heute das Stadtbild. Die Reisenden liessen sich Zeit und fuhren erst am Abend nach Kathmandu ins Hotel The Dwarika’s Kathmandu, welches ganz im nepalesischen Stil gebaut ist. Ein Nachtessen in einem indischen Restaurant «Third Eye» mitten im Ausgangsviertel Thamel rundete den intensiven Tag ab.
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